Houston, ein Earthship ist gelandet!

Earthships5Kaum ein Paradigma zum Thema „Autarkes Leben und Wohnen“ wurde so radikal neu erdacht wie das bei „Earthships“ der Fall ist. Aus diesem Grund soll hier dem Erfinder Michael Reynolds, ein genialer Architekt aus New Mexiko (USA), und ersten „Earthship-Skipper“, Platz eingeräumt werden.

Es war in den frühen 1970er Jahren als es Michael Reynolds, damals ein junger Architekt, wie Schuppen von den Augen fiel. Alles was er bisher über Architektur gelernt hatte, ist – kurz gesagt- falsch.

Seine Überlegung: Konventionelle Architektur stellt weder den Menschen noch seine Interaktion mit der Natur in den Mittelpunkt. Seine Vorstellung von Architektur musste daher radikal anders sein.

earthshipEin fundamentaler Entschluss, der sein restliches Leben in eine Achterbahn der Erkenntnisse, Aha-Erlebnisse, der Konflikte, Niederlagen, der Geduldsproben, des verbissenen Glaubens und schließlich des weltweiten Erfolgs verwandelte. Mehr als einmal wurde seine Ausdauer auf eine sehr harte Probe gestellt.

Als Michael Reynolds erstmals in seiner Heimatstadt Talos, New Mexiko (USA) seinen Fuß auf unbebautes Land setzte, war es der Beginn einer neuen Ära des freien Wohnens und des Lebens. Wohnen musste 100% nachhaltig, 100% autark sein. Unabhängig von jeder Energie, Wasser, Öl, Gas oder Nahrungsmittel Versorgung. Unabhängig von jeder Abwasser oder Müll Entsorgung.

Damals noch alleine und ohne jedes Budget entdeckte er Müll als idealen Rohstoff für seine ersten Bau-Experimente. Aus alten Autoreifen, in die er Erde mit dem Vorschlaghammer verdichtete, baute er einfache ringförmige Strukturen auf die er Dome aus Beton und Glasflaschen statt Ziegeln setzte.

Diese kleinste, kompakte Wohneinheit kombinierte er zu immer größeren Wohnkomplexen.

Dabei stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass dieser vermeintliche „Müll“ hervorragende Eigenschaften zum Bauen von Wohneinheiten besitzt und zudem sehr günstig zu beschaffen ist.

Earthship_bauEs dauert nicht lange und die ersten Jünger schließen sich ihm an. Anfangs noch unter widrigsten Bedingungen hausen seine Helfer direkt an den Baustellen in Erdlöchern – notdürftig mit Zelten überdacht, einige harte Wochen später, ziehen sie bereits in ihren eigenen festen Domizilen ein.

Es wird viel weiter experimentiert. Gebaut wird nach Trial & Error Prinzip. Viele kreative Ideen folgen und werden von Mutter Natur gnadenlos verworfen. Irgendwann arrangiert sich die verwegene Truppe der Erdenschiffer mit den Strenge der Naturgewalten. Vor allem entstehen nun stabile Konzepte, die auf erprobten Methoden, Beobachtungen und Verständnis der Physik basieren. Wichtige Aha-Erlebnisse folgen, wie etwa, dass eine massive halbkreisförmige Autoreifen-Erdwall im Rücken eines Gebäudes nicht nur für hohe Stabilität auch bei Erdbeben, sondern auch für einen hervorragenden thermodynamischen Luft-Austausch sorgt. Ein ausgeklügeltes passives Belüftungskonzept zwischen dem Erdwall, dem Wohnbereich und dem vorgelagerten Gewächshaus, -angetrieben durch Sonneneinstrahlung- sorgt für konstante wohnliche Temperaturen. Egal ob bei +40° oder -30° Außentemperatur. Bewusst werden auf elektrische Ventilatoren oder Motoren verzichtet. Stattdessen wird versucht die Natur nicht bei ihrer Arbeit zu behindern und ihre Naturgesetze genutzt. Stichwort: Konvektion

Außerdem erkannte Reynolds und sein Team, dass Blechdosen ein guter Ziegelersatz sind. Glasflaschen hingegen sorgen nicht nur für Stabilität, sondern auch für kunstvolle Beleuchtung des Innenraums. Beide Trinkbehältnisse sind jedenfalls in großen Massen –fast auf der ganzen Welt- viel einfacher zu bekommen als gebrannte Ziegel.

earthship_flaschenWasser kommt nicht aus der Fernleitung, sondern vom Dach und wird in Zisternen gesammelt und aufbereitet. Abwässer werden in Grau-Wasser und Schwarz-Wasser (WC-Abwässer) unterschieden. Ersteres wird über eine Reihe von Pflanzenbeete wiederaufbereitet, bzw. genutzt. Letzteres landet in einem geschlossenen Klärtank und wird über einen gesonderten Weg aufbereitet.

Energie wird in Solarzellen und Windturbinen erzeugt und in Batterien gespeichert. Die gesamte Hauselektrik und alle Verbraucher laufen auf Gleichstrom. Mutlose Hausbesitzer können sich dennoch mittels Spezialschaltung an das Stromnetz anschließen lassen. Eine der vielen erzwungenen Auflagen der hiesigen Behörden.
Da sind wir auch schon beim dunklen Thema der Earthships angelangt. Solches Querdenkertum schlägt unweigerlich hart auf dem bizarren Boden der Bürokratie und des Establishments auf. Reynolds musste lange und tief durch amerikanischen Behördensümpfe waten. Er verlor für kurze Zeit sogar seine Lizenz als Architekt, musste Strafe zahlen, Behördenkaiser beknien und um Anerkennung winseln. Doch in den Augen Reynolds gibt es kaum mehr Zeit für politische Hütchenspiele.
Er will handeln.
Er reicht Gesetzesänderungen im Parlament ein, versucht zu überzeugen und wird abgewiesen.

Doch dann kommt alles anders.

2004 walzt ein Tsunami Tausende Kilometer Küste und Häuser platt. Eine Viertel Million Menschen sterben und unzählige Menschen sind obdachlos.
Reynolds und sein Team folgen -ohne zu zögern- einem Hilferuf aus Indien. Nach dem ersten Schock bei der Ankunft, packen sie an – statt nur zu reden. Sie bauen zusammen mit den Einheimischen eine autarke Wohneinheit aus dem Einzigen was es Vorort reichlich gibt. Trümmer und Müll.

earthship_reifen

In nur zwei Wochen steht ein exemplarisches Earthship, das billig zu errichten ist, stabilen Schutz für eine Familie bietet und sein eigenes Wasser sammeln kann (essentiell da viele lokale Brunnen verseucht oder verschüttet wurden). Lokale Baumeister studieren das Prinzip und verstehen es auf Anhieb. Ein echter Hilfe-zur-Selbsthilfe Wissenstransfer findet statt.

Anders als in den USA, sind hier die hiesigen Menschen und Behörden mehr als begeistert.

Nach dieser erfolgreichen Expedition in Indien dringt die Kunde bis an die Ohren der lokalen Behörden in New Mexiko. Reynolds wird rehabilitiert. Erst jetzt anerkennt man seine Ideen. Testing Grounds, also Flächen wo neue Earthships errichtet werden dürfen (unter definierten Auflagen) werden genehmigt. Inzwischen gibt es eine stetig wachsende Community weltweit. In fast allen Erdteilen werden nun Earthships errichtet und Schulungsseminare abgehalten. Bravo.

Zur offiziellen Earthship Website >>

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